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Tanztherapie – Deine Welt im Tanz

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Artikel in raum&zeit 202/2016

Im tänzerischen Bewegen bringen wir uns zum Schwingen. Gefühle kommen in Gang und finden einen körperlichen Ausdruck. Alte Wunden können heilen, neues Terrain kann entdeckt werden.

In der Tanztherapie treffen sich seit circa 45 Jahren Psychotherapie und Tanzkunst. Unsere Autorinnen geben einen Überblick.

Von Julia Strauer, Lübeck

Muss ich jetzt meinen Namen tanzen?“ fragen mich meine Patienten manchmal zu Beginn der Therapie. Es scheint eine Skepsis und Angst gegenüber dem Zeigen des Körpers und der inneren Empfindungen zu geben. Doch gerade das ist es, was sich letztlich meine Patienten am meisten wünschen: sich selbst kennen zu lernen, sich auszudrücken, sich mitzuteilen und vor allem: gesehen und verstanden zu werden, so wie sie sind. Im Folgenden ein Fallbeispiel:

Zwischen Verausgabung und Erschöpfung

M. fühlt sich oft schlapp und ausgelaugt, kleinste Tätigkeiten bedeuten für ihn die allergrößte Anstrengung. Und wenn er so auf dem Sofa liegt und darüber nachgrübelt, was er eigentlich alles tun müsste, fühlt er sich noch schlechter und völlig zerrissen.

In der Tanztherapie findet er dafür die Bewegung „vor – rück“, ja – aber! Eine kleine, aber äußerst Kraft raubende Bewegung. An manchen Tagen geht es M. richtig gut: Dann will er alles aufholen, was liegen geblieben ist – er arbeitet buchstäblich bis zum Umfallen! Sein Tanz dazu ist ein wilder Wirbel durch den Raum, der schnell dazu führt, dass ihm schwindlig wird und er den Boden verliert – er fällt. Sich von dieser Verausgabung zu erholen, dauert natürlich auch wieder seine Zeit … und so wiederholt sich das bekannte Muster.

In der nächsten Sequenz erforscht M., wie er sich bewegen kann, ohne „aus der Kurve zu fliegen“, wie er es nennt. Und er beschreibt es so: „Endlich habe ich ein Gefühl von Balance gefunden! Ich kann mich drehen, dann aber auch wieder einfach am Platz schwingen, etwas Pause machen und dann geht es weiter. So ist es viel leichter, zum Beispiel Arbeit und Freizeit auszugleichen und ich kann insgesamt viel mehr machen ohne mich zu überanstrengen.“ Das war der Verlauf EINER Therapiestunde bei meiner Kollegin Christine Schulz!

Zwischen Tanz und Alltag

Es geht darum, die Erkenntnisse aus der Tanztherapie auf das Leben zu übertragen. Wie im Beispiel kann der Patient sich nun auch im Alltagsleben dahingehend wandeln, um „in seiner Kurve zu bleiben.“, und mit seiner Energie gut hauszuhalten. Skepsis gibt es neben der Angst, sich zu zeigen, vor allem von männlichen Teilnehmern. Sie scheinen oft Vorbehalte gegenüber dem Tanz zu haben. Hole ich die Menschen mit ihren Ängsten und Zweifeln ab, nehme ich genau diese Befürchtungen mit in die Therapie, dann sind wir schon mittendrin im therapeutischen Prozess. Ein erster entlastender Schritt ist getan.

Das Prozessorientierte in der Tanztherapie bedeutet demnach, im Hier und Jetzt mittels der Beziehung zwischen miteinander interagierender Individuen – sowohl im Tanz als auch im Gespräch – therapeutisch zu arbeiten. Als  klinische  Tanztherapeutin, spezialisiert auf psychiatrische  und  psychosomatische Krankheitsbilder, arbeite ich mit erkrankten Menschen, die in einer Klinik von einer körperorientierten Psychotherapie profitieren wollen oder diese von den behandelnden Ärzten oder Psychologen verordnet bekommen. Die Tanztherapie – als ein Modul in der Kreativtherapie – stellt dort einen wichtigen Baustein – ergänzend zum therapeutischen Gespräch – dar. Der eigene Körper und der Tanz bieten einen handlungsorientierten Zugang zu den persönlichen Themen und Problemen des Patienten.

Die Tanztherapeutin arbeitet eng mit dem behandelnden Arzt oder Psychologen zusammen. Gemeinsam besprechen sie das psychotherapeutische Vorgehen. Jeder auf seinem Gebiet und doch „auf einem gemeinsamen Weg.“ Themen aus der Einzeltherapie finden in der Tanztherapie eine Weiterbearbeitung und umgekehrt. Zum Beispiel kann eine in der Gesprächstherapie thematisierte Wut in der Tanztherapie einen körperlichen Ausdruck finden. Vielleicht sind dies laut stampfende Schritte, die nie sein durften.

Somit zählt Tanztherapie inhaltlich zu den Psychotherapien, ebenso zählt sie zu den künstlerischen Therapieformen (wie Musik- und Kunsttherapie) und zu den Körpertherapien.

Ablauf einer Sitzung

Zu Beginn einer Gruppen- oder Einzeltherapie verbalisieren sich aktuelle Themen und finden im weiteren Verlauf über die Bewegung einen Ausdruck. Oder umgekehrt kann das körperliche Erleben im Tanz im Anschluss in Worte gefasst werden. Eine Gruppe bietet die Möglichkeit, mit anderen Teilnehmern in Kontakt zu kommen und Themen mit dem Gegenüber zu bearbeiten. Zum Beispiel, wenn ein Patient sich aufgrund seiner negativen Erfahrungen in der Gemeinschaft immer ausgeschlossen fühlt, kann er in diesem geschützten Rahmen neue Erfahrungen erleben. Zum Beispiel kann ein Kreistanz ein Gefühl von Zugehörigkeit hervorrufen. Tanztherapeutische Interventionen beziehen sich vorrangig auf den körperlichen Ausdruck, dabei unterstützt das reflektierende Gespräch die Integration des Bewegungserlebens.

Techniken wie „frei inneren Bewegungsimpulsen folgen“, „das freie Formen mit dem Körper zur kreativen Gestaltung“ oder „das Spiegeln der Bewegung eines Gegenübers“ und „eine spezielle Bewegungsanalyse“ stellen – neben diversen strukturierten Tanzstilen – die Grundausrüstung einer Tanztherapeutin dar.

Seile, Bälle, Stöcke und andere Medien können – je nach therapeutischer Absicht – bei Bewegungsintervention eingesetzt werden. So steht zum Beispiel ein Tuch – gehalten zwischen zwei Tanzenden – als Symbol der Beziehung. Der Musik kommt in der Tanztherapie eine besondere Bedeutung zu. Sie kann gezielt eingesetzt werden, um Prozesse zu initiieren, zu tragen oder zu begleiten. Besonders rhythmische Klänge wecken Lebendigkeit, strukturgebende Lieder geben Halt oder weniger strukturierte Musik lässt Raum zur Gestaltung von Improvisationen.

Malen, Gestalten, Fantasiereisen

Oftmals fließen in die Tanztherapie Elemente aus anderen Methoden ein. Die Arbeit mit Ton oder Malen verhelfen zu einem Blick auf sich selbst oder einem farblich sichtbaren Ausdruck von psychischen Prozessen. Es können beispielsweise Gefühle und innere Bilder nach einer Körpererfahrung gemalt oder mit Ton zu einer Form gestaltet werden. So hilft zum Beispiel bei essgestörten Patienten ein selbst gestaltetes Körperbild bei der Realitätsprüfung.

Auch Interventionen ohne musikalische Begleitung wie Fantasiereisen, Körperreisen, Körperwahrnehmungsübungen, Meditationen und andere Techniken ergänzen die Methode.

Den Körper loslassen

Ein weiteres Fallbeispiel zur Veranschaulichung: Frau A. kommt im Rahmen ihres Klinikaufenthaltes in die Einzel-Tanztherapie. Sie leidet unter Depressionen und somatoformen Störungen. Sie habe als kleines Kind die Mutter immerzu beschützen wollen, da diese suizidal gewesen sei, erzählt Frau A. Der Tod ihrer Mutter hätte auch für

die schutzbedürftige Tochter den Tod bedeutet. Sie sei immer auf der Hut gewesen und hätte sich immer existenziell bedroht gefühlt. Heute könne sie sich daher nicht entspannen, nicht loslassen, nicht anlehnen, habe wenig Vertrauen in andere Menschen. In der Einzeltherapie legt sich die Patientin auf den Boden, sie lernt, ihren Körper wahr zu nehmen, spürt ihr Gewicht. Um die Erfahrung des Gewichtabgebens zu ebnen, nehme ich einzelne Körperteile in meine Hände, ich bewege ihren Arm, ihren Kopf, ihr Bein, trage, bewege, schüttle sanft einzelne Körperteile. Frau A. hilft dabei mit, sie erfährt, wie sehr sie aktiv ist, sie hält fest, sie spannt sich an. Sie habe nie erfahren, wie es ist, getragen und gehalten zu werden, sie möchte sich mir nicht zumuten, dass kenne sie nicht. Erst nach einiger Zeit und zunehmendem Vertrauen erlebt sie kleine Momente, in denen sie loslassen, abgeben, sich einen kurzen Moment fallen lassen kann. Anschließend nimmt sie ihren Körper viel verbundener wahr. Sie beschreibt ein Gefühl von erholsamem Ganz-Sein.

Dieses Beispiel zeigt, dass in der Tanztherapie nicht nur getanzt wird, sondern auch Körperteile berührt und bewegt werden können. Generell ist jede Art von Bewegung eine Erfahrungs- und Ausdrucksmöglichkeit, die zur Kommunikation und letztlich zum körperlichen „Begreifen“ dienen kann. Das bedeutet, erst, wenn der Körper erfährt, kann es zu einem ganzheitlichen Verständnis kommen.

In der Tanztherapie gehe ich von einer ganzheitlichen Sichtweise aus. Der Körper zeigt mir, wo, wann und wie etwas nicht im Einklang ist. Er deutet auf etwas hin, das es zu entschlüsseln und zu verstehen gilt.

„Es besteht kein Zweifel, dass Bewegung zu neuen Körpererfahrungen führen kann, die ihrerseits neue Gemütserfahrungen hervorrufen können und somit der psychiatrischen Untersuchung neues Material liefern.“ Trudi Schoop (1903–1999), Bühnentänzerin und Tanztherapeutin

Den Körper verstehe ich als Träger der Biographie. Alle vergangenen Erlebnisse und Gefühlserinnerungen sind im Körper abgespeichert und können in der Tanztherapie, die direkt am Körper ansetzt, sichtbar oder spürbar werden. Der Körper ist nicht zu trennen von den zurückliegenden Erfahrungen. Bei meinen Patienten kommen diese Erinnerungen oft durch Bewegungen wieder ans Licht. Das kann sowohl schmerzhaft als auch angenehm sein. Begleitend unterstütze ich sie dabei, neben der Wahrnehmung des Ist-Zustandes auch neue Erfahrungen zu machen. Sich wieder ganz zu fühlen, bewusst zu werden, die Potenziale zu sehen und sie ins Leben zu bringen, trotz negativer Erfahrungen, das ist mein Auftrag als Therapeutin.

Wurzeln der Tanztherapie

Zur Zeit des Ausdruckstanzes in den 1920er Jahren versuchten TänzerInnen, Gefühle zu tanzen. Es wurde erforscht, wie Gefühle den Tanz beeinflussen und umgekehrt. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten flohen viele TänzerInnen in den 1940er Jahren aus Deutschland in die USA. Sie fingen an, in psychiatrischen Kliniken zu arbeiten oder entwickelten ihre eigenen Methoden, therapeutisch mit Tanz und Bewegung zu arbeiten. Eine Pionierin war Trudi Schoop (1903-1999). Sie war Bühnentänzerin und wanderte nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Schweiz nach Kalifornien aus. Dort tanzte sie mit psychisch kranken Menschen und beobachtete sie. Ohne viel psychologisches Hintergrundwissen entdeckte sie so das Heilende im Tanz. Sie begann eine Tanztherapie für chronisch psychotische Menschen zu entwickeln. Damit legte sie mit anderen Pionierinnen einen Vorläufer der Tanztherapie. Erst in den 1970er Jahren kam die Tanztherapie zurück nach Deutschland und entwickelte sich weiter, so dass sie heute vielerorts eine fest etablierte Therapieform darstellt.

Tanztherapie heute

Heute sichert der Berufsverband der TanztherapeutInnen Deutschlands e.V. (BTD) die Qualitätsstandards und eine fundierte therapeutische Ausbildung. Darüber setzt er sich für die weitere Etablierung der Tanztherapie im Gesundheitswesen ein. Um als Tanztherapeutin auch ambulant diagnostizieren und behandeln zu können, bedarf es zusätzlich der Heilerlaubnis für Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz (HeilprG). Im Gegensatz zu einem Klinikaufenthalt tragen die Patienten die Kosten für eine ambulante Tanztherapie selbst. Sie liegen bei circa 80 Euro pro Einzelstunde. Eine Gruppentherapie ist preisgünstiger. Gut qualifizierte TanztherapeutInnen und weitere Informationen finden Sie beim Berufsverband der TanztherapeutInnen Deutschland e.V. (BTD) unter: www. btd-tanztherapie.de. Um eine schnelle psychologische ambulante Erstversorgung zu ermöglichen, wurde das Projekt „Übergangstherapie“ ins Leben gerufen: www.übergangstherapie.de

Neue Wege

Als Physiotherapeutin begonnen und als Tanztherapeutin weiterentwickelt, begeistert mich immerzu die Frage, inwiefern der Körper das Wesen eines Menschen beeinflussen kann und umgekehrt. Um Antworten zu finden, bin ich als Tanztherapeutin wie auf einer lebendigen Forschungsreise in einem gemeinsamen Tanz mit meinen Patienten. Nie gleicht ein Schritt dem anderen, keine Therapiestunde ist wie eine andere, wie kein Mensch einem anderen entspricht. Das ist es, was ich an meinem Beruf so liebe: sich mit jeder Persönlichkeit immer wieder auf einen neuen Weg zu machen, um heilende Schritte zum Weitergehen zu entdecken…

Die Autorinnen

Julia Strauer, Lübeck

Tanztherapeutin BTD®, anerkannt im Berufsverband der TanztherapeutInnen Deutschlands e. V., Heilpraktikerin (beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie), staatlich geprüfte Physiotherapeutin, registrierte Übergangstherapeutin, Körpertherapeutin. Die Autorin arbeitet seit 25 Jahren als Therapeutin im Gesundheitswesen in den Arbeitsfeldern der Rehabilitation, der ambulanten Praxis und im klinischen Bereich. Ihre vielfältigen Erfahrungen als Turnerin und Tänzerin und aus den Bereichen der Physiotherapie, der Sporttherapie und aus dem Gesundheitssport hat sie mit dem Psychotherapeutischen Ansatz der Tanztherapie erweitert und sich auf psychosomatische und psychiatrische Krankheitsbilder spezialisiert. Sie arbeitet als Tanztherapeutin in der Psychiatrie und in der Kreativtherapie in einer Psychosomatischen Klinik, sie ist Dozentin für Gesundheitsberufe und leitet Schulprojekte im Rahmen von Bildungskonzepten. Als freiberufliche ambulante Tanztherapeutin in eigener Praxis (www.tanztherapie-luebeck.de) ist sie in Lübeck tätig.

Christine Schulz, Kiel und Lübeck

Anerkannte Tanztherapeutin BTD® und Ausbilderin BTD (Berufsverband der TanztherapeutInnen Deutschlands e.V.), Heilerlaubnis für Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz (HeilprG), registrierte Übergangstherapeutin. Seit 1997 ist die Co-Autorin als Tanztherapeutin in eigener Praxis tätig, davon 16 Jahre zusätzlich im klinischen Bereich. Als Ausbilderin und Dozentin unterrichtet sie an verschiedenen Instituten seit 2009 deutschlandweit. www.tanztherapie-nord.de

Quelle

raum&zeit 202/2016

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